(Um 2 Uhr…)

von zophrenik

(29 04 13)

 Um 2 Uhr steht die Stadt stramm. Die Straßen
sind menschenleer, der Wind raunt wie durch
ein rostiges Rohr. Die Ruhe dehnt sich bis weit
in die Nacht hinein, ohne dass es vollends still
wäre, schließlich ist die Luft stets aktiv wie ein
schlafender Organismus. Man muss nach oben
schauen, der Mond klebt am schwarzen Teppich
des Himmels wie ein altes Kaugummi unter
der Tischplatte. Nichts zu machen. Die Schatten

 sind angespannt, als wüssten sie bescheid
über das bald anbrechende Morgengrauen.

Ich / Der Clown

von Esra Canpalat

Es war, als würden meine Trommelfelle zerplatzen, als die Musik wie ein alles zerschießender Pfeil aus den Lautsprechern katapultiert wurde. Meine Ohren waren bereits ganz rot vor Kälte, ebenso meine Nase, waren wund und schmerzten. Die Musik trug ihr Weiteres bei: Die bleiernen Trompeten- und Posaunenklänge, das dumpfe Schlagen der Trommeln rumorten in den entzündeten Gehörgängen und zerrissen, nachdem sie das porös werdende Trommelfell passiert hatten, geradezu mein Inneres. Meine Rippenknochen vibrierten lustig und erzeugten, jede nach der anderen, einen anderen Ton wie die Klaviatur eines Xylophons. Ich zog meine Jacke fester an mich, versenkte meine Nase in meinen Schal. Die markerschütternde Kälte war der Akrobatin unten kaum anzumerken. Ihre Haut wies zunächst viele Pocken auf, als sie die Manege betrat. Doch als sie anfing, sich zu strecken, sich zu drehen und zu springen, war ihre Haut so glatt wie die eines Aals. Nur an ihren rot beschmierten Lippen, die im Kontrast zu ihrem seidig-glänzenden, gelben Trikot standen, konnten man den Effekt der Kälte sehen: Sie verzogen sich ab und an unschön, doch im Großen und Ganzen bewahrte sie Contenance. Zuletzt verbeugte sie sich, den Reifen, den sie vorher kunstvoll um ihre Arme und Beine kreisen gelassen hatte, das rechte Bein elegant nach hinten geknickt und die Arme nach oben gestreckt. Wieder dieses unechte Zerreißen ihres Mundes. Die Musik endete mit einem pompösen Klang, der mich wieder völlig aus der Fassung brachte. Weiterlesen

American Spirit

von zophrenik

Sie zündeten eine Zigarette an und rauchten – zwei Nichtraucher beim Versuch, eine andere Welt zu kosten.
»Das sind American Spirit. Harvey Keitel und William Hurt rauchen sie im Film Smoke. Als ich in Amerika war, bin ich in den Tabakladen gegangen, in dem der Film spielt, und habe sie gekauft.« Sie blickte in die Ferne, über die Oder hin zur Altstadt, deren Lichtschein sich hinter den Altbauten in die Dunkelheit erhob. »Ich liebe diesen Film.« Weiterlesen

Vater

von Esra Canpalat

An dich, Vater, erinnere ich mich nur folgendermaßen. Du liegst im quietschenden Bett, die Gardinen sind geschlossen, das Zimmer ist in eine ameisenhafte Dunkelheit gehüllt. Die Luft wie verpestet. Ein Schimmelröschen an der Decke wachsend. Die Tür ist geschlossen. Ich kann dich nicht sehen, aber ich weiß, dass du dort liegst, schnarchst und am Gestank fast erstickst. Weiterlesen