Apostel

von zophrenik

Sie erscheinen irgendwann zwischen 20 und 21 Uhr. Manchmal sogar später, je nachdem. Ihr unkonventionelles Aussehen fällt sofort ins Auge. Einer von ihnen hält eine Flasche hoch, ihre Gesichter verheißen glückliche Zeiten. Sie treten ein, strahlen eine optimistische Aura aus, ein Fluidum dezenter Nonchalance. Bald glühen ihre Wangen, die Augen glänzen.
Zigarettenqualm erfüllt den Raum. Unter dem fahlen Zimmerlicht sind nur Schemen erkennbar, Silhouetten beinahe tierischer Wesen. Sie bewegen sich zu elektrischer Musik, tanzen euphorisch wie Satyrn. Alle warten auf das, was bald kommen wird, aber noch ist es nicht so weit, also füllt man die Gläser und kippt den Inhalt in den leeren Mund. Es ist warm, fast heiß. Die jetzt schon schwitzen, ziehen sich zurück in eine ruhige Ecke. Sie tauschen Worte aus. Bis diese bedeutungslos geworden sind, dauert es noch eine Weile, daher verharren sie in ihren statischen Positionen. Manchmal schielen sie hinüber zu den anderen und erspähen ihre Sehnsüchte. Noch sind sie subtil, unmerklich, streichen über das Bewusstsein, leicht wie eine Daunenfeder. Schließlich erwacht das Verlangen. Nach einem weiteren Glas kehren sie zurück, angezogen von Wärme und Licht wie ein blutdürstendes nachtaktives Insekt. Einer Begierde, die greifbar nahe ist, können Worte nichts anhaben.
Der Raum wird enger, je weiter die Zeit fortschreitet. Ein dünner, im Licht schimmender Film aus Schweiß glänzt auf den sichtbaren Hautpartien. Gliedmaßen streifen sich. Aus unbewussten Gesten werden Zärtlichkeiten. Man muss nicht aussprechen, was gleich geschieht. Unter den Zigarettenqualm und das fahle Licht der Zimmerbeleuchtung mischt sich das Aroma menschlicher Ausdünstungen.
In Augenblicken wie diesen, so scheint es, schlingt die Chronologie eine Möbiusschleife und Ereignisse wiederholen sich, stets unter neuen Voraussetzungen. Elektrische Musik mündet in eine blecherne Melodie, die Körper beginnen zu zittern. Feine Übergänge wechseln mit harten Schnitten, flüssiges Schlingern geht über in ruckartiges Zucken. Warum reden, wenn man sich bewegen kann? Also tanzen alle, sie schlingern und zittern, einige filigraner als andere, manche unbeholfen wie Holzpuppen. Aneinander gedrückte Körper, ineinander gefaltete Hände, zueinander gewandte Gesichter, Augen, die Pupillen durchbohren und mehr sehen, als Sinne wahrnehmen können. Aufeinander gedrückte Lippen, was sonst. Am schönsten ist der Atem, der über die erhitzte Wange streicht, denken die einen, die anderen: der Schweiß, der, mit Parfüm verbunden, zum Duft der Begierde verschmilzt. Vielleicht sollte man noch das Gemälde erwähnen, das Motiv eines ernsten Mannes mit feurig-krausem Haar – in der einen Hand eine Harfe, in der anderen ein Bogen. Tadelnd schaut er hinunter auf die leidenschaftserfüllte Meute. Doch sie beachtet ihn gar nicht, zu erhaben und düster wirkt sein Gesicht.
Sie tanzen also, berühren, genießen, lieben einander womöglich, wer weiß. Ja, wer weiß das schon. Vermutlich nicht mal sie selbst.

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