Die Kunst des Zuhörens

von Esra Canpalat

Sie kam zu Besuch mit ihrem Mann. Das machte sie nicht oft. Sie schenkte mir eine Flasche Parfüm, die ich jetzt in der Hand halte. Ich habe es kaum benutzt, weil ich wässrige, fleischige Blasen davon bekam. Mein Hals, meine Handgelenke waren übersät von diesen ovalen Noppen, die innen mit einer weißen Flüssigkeit gefüllt und außen von einem glatten, rosafarbenen Ring umgeben waren. Betrachtete man sie näher, so sah man, dass die Haut an diesen Stellen sich spannte. Ich sah aus wie ein Tintenfisch. Ich erinnere mich.
Sie läuft die Treppen hoch im Hausflur. Ihre Schritte hallen, weil sie Schuhe mit Absätzen trägt. Solche habe ich von ihr zum Geburtstag bekommen. Sie liegen im Schuhschrank. Und dann habe ich noch eine Schachtel mit Puder bekommen, mit hautfarbenem Lippenstift, Pinseln und Quasten.
Sie geht immer voraus, ihr Ehemann ist stets hinter ihr. Ein Sommerkleid in verschiedenen Rottönen und Puffärmeln trägt sie. Ihre dunklen Haare hat sie mit kunstvollen Handgriffen auf ihrem Kopf drapiert. Vorne schaut jedoch wie zufällig eine einzelne schwarze Locke heraus. Unter ihrem rechten Arm fängt eine schwarze Ledertasche mit silberner Schnalle ihren Schweiß auf.
Er trägt ein hellblaues Hemd, das er sich in die dunkle Hose gesteckt hat und das sein Bäuchlein sachte in feinen Falten locker kaschiert. Er riecht nach Moschus.
Im Haus gibt es erst einmal Küsse, schmatzende Laute vernehme ich. Speichel auf den Wangen, der im Licht glänzt. Auch mich drückt sie an ihre Brüste. Sie holt aus ihrer Tasche ein Päckchen hervor. „Für dich“, sagt sie. „Habe ich dir mitgebracht.“
Nach der freudigen Begrüßung verschwindet sie mit Mutter in der Küche, mein Vater geht zurück in das Wohnzimmer. Er hat längst seine Schuhe ausgezogen. Ich wende mich zu ihm, frage ihn, wie der Urlaub war. Doch er geht an mir vorbei als habe er mich nicht gehört und gesellt sich zu meinem Vater.
Alleine stehe ich im Flur, schließe die Augen und überlege, was er nun tun wird im Wohnzimmer. Er wird aus seiner Hosentasche ein Zigarettenetui aus Leder herausholen, daraus eine Zigarette, die er dann zwischen seine vollen Lippen schieben wird.
Meine Mutter ruft aus der Küche, ich solle einen Aschenbecher für ihn bringen, da er bestimmt rauchen wolle. Ich sage, dass ich das schon längst wisse.
Ich gehe in die Küche, wo meine Mutter am Herd in einem Topf rührt und sie am Küchentisch sitzt und vom Urlaub erzählt. „Öffne doch das Päckchen.“
Ich schiebe die seidene Schleife weg und reiße das Päckchen an der oberen kurzen Seite auf. Es ist ein Fläschchen Parfüm. Ich drehe den grünen Plastikverschluss auf und rieche am winzigen Loch des Spenderknopfs. „Riecht gut“, sage ich. „Wusste ich doch, dass es dir gefällt. Es ist kein penetranter Geruch. Ganz leicht. Probier doch mal.“ Ich sprühe die Flüssigkeit zweimal auf meinen Hals. Während des Essens fängt es an jener Stelle an zu jucken.
Sie erzählt vom Urlaub in Spanien. Das Hotel sei erstklassig gewesen, ganz zu schweigen vom fabelhaften Essen und dem großartigen Wetter. Man habe in der freien Natur gewandert. Ihre Erlebnisse erzählt sie so begeistert bis ins Detail. Dabei gestikuliert sie stets mit ihren Händen. Ihre Fingernägel sind gepflegt und glänzen. Meine Mutter hört aufmerksam zu, obwohl sie kochen muss. Sie besitzt die Kunst des Zuhörens. In der Zeit, in der sie ihren mit blumigen Adjektiven geschmückten Monolog hält, macht sie auch Atempausen, die mir die Möglichkeit bieten, etwas zu sagen. Sie blickt kurz zu mir herüber, hebt ihre linke, kantige Augenbraue, sodass ihre Stirn Falten bekommt, schiebt ihre Unterlippe nach vorne und nickt abgehackt. Eine Mimik, die Anteilnahme heucheln soll. Dann sagt sie: „Aha.“ Drei Buchstaben, noch nicht einmal ein Wort.
Die Boutiquen seien auch wunderschön gewesen. In einer habe sie auch das Kleid, das sie anhabe, gekauft. Es sei natürlich viel zu teuer gewesen, aber man gönnt sich ja sonst nichts. „Dein Parfüm habe ich übrigens in einer kleinen Parfümerie gekauft. Die Verkäuferin meinte, dass wäre ein Duft für junge Mädchen.“ Als sie anfängt von den unglaublichen Bauten zu erzählen, kommen er und mein Vater in die Küche. Wir sitzen am Küchentisch und essen. Sie wiederholt noch einmal, was sie bereits erzählt hat, damit auch Vater alles erfahren kann. Ich höre zu, während ich meine Linsensuppe löffel. Ich besitze die Kunst des Zuhörens. Mittlerweile weiß ich ganz genau, wie komfortabel das Hotel war. Ich könnte es so erzählen, dass man meinte, ich wäre selbst dort gewesen. Wir, meine Eltern und ich, wissen, dass Wandern gesund ist. Dass Olivenöl viel gesünder ist als Sonnenblumenöl. Dass man sich, nachdem man mit den Fingern Calamari gegessen hat, die Hände mit Zitronenscheiben einreibt. Ich schaue verbittert in die Tiefen meines Tellers. Das braune, wässrige Etwas sieht aus wie Erbrochenes. In Spanien sieht das Essen bestimmt nicht nach Kotze aus.
Es folgt die Hauptspeise. Meine Mutter hat Teigtaschen gekocht mit einer Joghurtsoße. Am Tisch verliert er des Öfteren seine Diskretion, den intellektuellen Ernst, der ihn umgibt, denn er ist ein Schlemmer, ein gnadenloser Gourmand. Meine Eltern scheint das nicht zu stören, denn mein Vater ist selbst einer und meine Mutter kocht stets für Schlemmer. Aber ich finde dieses Benehmen befremdend, nicht gerade unverschämt, aber – ja, doch – befremdend.
Er sticht mit der Gabel in eine Tasche hinein, das Fett und der Joghurt triefen herunter auf den Teller, und schiebt die Gabel in den Mund, in dem er noch Reste der vorherigen Tasche an der rechten Backe aufbewahrt hat, um sie gleich mit dem neu produzierten Brei hinunter zu würgen. Er will den Teiggeschmack, den Saft des Fleisches, das Salz des Joghurts erst auf der Zunge spüren, um seine unersättliche Gier zu stillen. Dann erst kümmert er sich um das Verdauen, das sich als schwierig erweist, da er immer gleich, statt kleiner, wohlgekauter Bissen, riesige Klöße von Brei herunterschluckt, die ihm teilweise im Hals stecken bleiben und nur mäßig in seinem Magen landen.
Sie schaut ihn von der Seite her an und lacht plötzlich lauthals auf. Ein Kontrast blitzt auf – das sündige Dunkelrot ihrer Lippen zu ihren weißen Zähnen, dazwischen die weiche Zunge wie Samt. Wir blicken alle von unseren Tellern hoch, um an ihrem Amüsement teilhaben zu dürfen.
Ich sehe ihn an, sehe wie weißer Joghurt vermischt mit gelben Fetttröpfchen von seiner Unterlippe auf sein Kinn tropft und dort wie verzweigte Wege herunter rinnt. Jetzt hält sie ihre Hand vor dem Mund vor Lachen. Es ist eine gezwungene Geste. Er blickt uns mit Unverständnis an, seine braunen Augen weiten sich, sodass er mich an einen traurigen Hund erinnert. Doch statt eine Antwort auf seine stumme Frage zu bekommen, wird er mit Lachen, in das nun auch meine Eltern und ich gezwungenermaßen einstimmen, gestraft, bis ich den Mut finde, mein künstliches Lachen zu beenden und ihn auf sein Missgeschick aufmerksam zu machen, denn es ist ein Missgeschick, ein unachtsamer Moment, in der er seine charakteristische Verschwiegenheit und Ruhe, die ihm eigentlich eine gewisse Kühle, eine Unantastbarkeit verleiht, dafür missbraucht, maßlos zu sein. Am Tisch spricht sie mit meinen Eltern und er kann endlich schweigen und essen, muss keine Fragen mehr beantworten, muss keinem mehr zuhören, muss keine Haltung bewahren. Ein Schwein ist er, wird er an diesem Tisch, nur weil er einmal unachtsam ist.
Ich durchschaue ihn, gestehe es mir aber nicht ein, genau wie sie, die jene Situation versucht durch Scharlatanerie zu überspielen. Ich weiß nicht, ob es Mitleid oder Scham ist, die mich so unglaublich traurig stimmt.
Im Wohnzimmer wird Kaffee getrunken. Sie reicht Mutter Fotos aus Spanien, setzt sich neben ihr und zeigt ihr mit dem Zeigefinger, was darauf abgebildet ist. Als ich die Bilder zugesicht bekomme, haben sie überall Fettflecken. Auf einem der Bilder ist ein großes, weißes Gebäude mit einem karmensinrotem Flachdach und breiten Fenstern zu sehen. Der Treppenaufgang an der rechten Seite des Gebäudes ist mit violetten Blumen flankiert. „Ist das euer Hotel?“, frage ich ihn. Auch er blickt ruckartig zu mir, hebt die linke Braue und lächelt. „Wie bitte?“, fragt er.
Ein Jahr später haben sie sich getrennt. Sie haben sich nicht gegenseitig zugehört und auch nicht den inneren Stimmen.
Ich halte die Flasche Parfüm in der Hand. Mittlerweile ist die Flüssigkeit darin ganz siffig, der Geruch erinnert nicht mehr an den Duft von jenen kleinen Seifen, welche meine Mutter in ihrer Schublade aufbewahrt, damit ihre Wäsche fein duftet, sondern an Batteriesäure. So ist auch der Hals der Flasche ganz weich geworden von der Flüssigkeit und löst sich auf, wenn man mit dem Finger fest darauf drückt.

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