Die Vorübergehenden

von zophrenik

Der Mann trat durch die Hintertür, zündete sich eine Zigarette an und schaute hinaus auf den Hof, der umstellt war von den himmelhoch ragenden Wänden des Gebäudes. Das kleine, bogenförmige durchsichtige Vordach schützte kaum vor dem Regen, der die Welt diagonal in dünne Streifen schnitt. Auf der kopfsteingepflasterten Parkfläche standen oberklassige Fahrzeuge, die meisten Stellplätze blieben frei. Nicht viel los hier, dachte der Mann. Als er quer über den Parkplatz lief, summte er ein Lied leise vor sich hin: Patrzył na równy tłumów marsz / Milczał wsłuchany w kroków huk / A mury rosły, rosły, rosły / Łańcuch kołysał się u nóg…[1] Einmal stolperte er, fing sich im letzten Moment und ging ruhig, ohne wieder aus dem Rhythmus zu geraten, weiter zum Portal. Das Gittertor war verschlossen. Er betätigte mehrmals die Klingel. Als der Summer ertönte, drückte er die Tür auf und betrat auf der anderen Seite die Gasse. Ein dünner Sonnenfetzen lugte kurz aus einer dunklen Wolkendecke, verschwand aber, ohne sich wieder blicken zu lassen. Die Straße war leer, keine Fußgänger. Er hörte leise das Brausen von weit entfernt fahrenden Personenbeförderungsmitteln. Je weiter er ging, desto leiser erschienen ihm die Geräusche der Straße, wie der Ausklang eines leise verhallenden Echos. Bald war es so still, dass er glaubte, eine menschenleere Betonwildnis betreten zu haben. Doch dann bog jemand um die Ecke, es war ein kleiner Junge, und kam leichtfüßig-langsam auf ihn zu. Beim Vorübergehen summte er ein Lied leise vor sich hin: Wyrwij murom zęby krat / Zerwij kajdany, połam bat / A mury runą, runą, runą / I pogrzebią stary świat![2] Der Mann lächelte, lächelte voll verzweifelter Freude, denn er wusste: nein, nichts würde wieder so sein, wie es einmal war…


[1] Er blickte auf der Menge gleichartigen Marsch / Er schwieg vertieft in der Schritte Dröhnen / Die Mauern wuchsen, wuchsen, wuchsen / Die Kette schaukelte zu seinen Füßen…

[2] Reiß der Mauer Gitterzähne aus / Zerreiß die Fesseln, zerbrich die Peitsche / Die Mauern stürzen, stürzen, stürzen / Und begraben die alte Welt!

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