Gedankenreise

von zophrenik

Er saß über den Schreibtisch gebeugt am Fenster und tat nichts, fragte sich, was das bringen sollte, diese Lethargie, das Fehlen jeglicher Ambitionen. Er schaute hinaus, beobachtete den Himmel, die Wolken, die sanft darüber strichen und die Wirklichkeit in eine trübe Soße tunkten. Im Lichtkreis der Schreibtischlampe erinnerte seine Erscheinung an einen meditierenden Buddha, vertieft in das Nichts der Gedanken. Keine Zigaretten, kein Alkohol. Nichts, mit dem er sich die Zeit hätte vertreiben können. Nur ein Stoß wieder und wieder gelesener Bücher, deren Inhalt nach wenigen Sätzen zwischen den Gedanken zerbröselte. Er stand auf, tat einige Schritte durch das Zimmer und stellte sich schließlich unter die Glühbirne, die am nackten Gewinde an der Decke hing. Er sah aus wie die Verkörperung der »unheilbaren Krankheit«, denn auch er, wie jeder von uns, gewöhnte sich an das Leben bevor er das Denken erlernte.

Also machte er sich auf eine Reise, schritt im kärglichen Raum auf und ab, um sich der Illusion einer überflüssigen Tätigkeit hinzugeben. Von Wand zu Wand, von Wand zu Wand, vom Bett zum Fenster, vom Fenster zum Bett. Das Kreuz der Ewigkeit. Neun kleine Schritte in die eine, neun kleine Schritte in die andere Richtung. Vier mal Neun gleich sechsunddreißig – das Symbol der Unendlichkeit. Von Wand zu Wand, von Wand zu Wand, vom Bett zum Fenster, vom Fenster zum Bett.

Sein Astralleib löste sich vom Körper und schwojte um den rostigen Anker des Lebens, betrachtete den Prozess der Selbstgenügsamkeit, bis er sich im wirren Assoziationsnetz der Erinnerung verfing. …und am Horizont zerfließt das goldene Licht der Sonne, schimmert der über den Tag erhitzte Asphalt, verdorren die grünen Wipfel der Bäume, während er sich über die Hügelkette stetig darauf zu bewegt, nur um am Ende festzustellen, dass er sie doch nicht erreichen würde, die Sehnsucht, die nichts anderes ist, als das Denken selber. …dann das Schaukeln auf kabbeliger See, die flachen Wogen des Meeres unter dem düsteren Deckel des Himmels. Den Geruch von Salz in der Nase, den Geschmack von Tabak auf der Zunge. Mit jedem Meter entfernt sich das Land und mit jedem Meter entfernt sich der Horizont auf der anderen Seite. Eine Reise ins tiefste Innere des Selbst. Ankunft in drei Wochen in New York. Und die Freiheitsstatue…

…eine Glühbirne, die am nackten Gewinde herunterhängt in die Dunkelheit der absoluten Bedeutungslosigkeit

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