Herr Psi notiert sich was

von Fabian May

Als Klika auf der anderen Seite dieser Nacht aufwachte, hatte er einen halben Bart im Gesicht stehen. Er hatte unruhig geschlafen. Er hatte geträumt, er sei ein Einarmiger Bandit und eine seiner Walzen habe geklemmt. Er war dann aufgestanden und hatte im Badezimmerspiegel gesehen, wie eines seiner Augen nicht mehr aufging und der Mundwinkel herabhing. Dann hatte er sich selbst verloren. Für einige unsägliche Sekunden, deren Kommen und Gehen sich nicht hatte ahnen lassen, fand sich Klika aus dem dem menschlichen Bewusstsein eigenen Gefühl des unteilbaren Eigenseins herausbefördert. Er erinnerte sich an die Fakten seines bisherigen Lebens, jedoch nicht als seine. Ich fall auseinander, sagte er zu dem da im Spiegel, und er hörte es sich sagen. Das ist kein Moment zum Auseinanderfallen, du musst jetzt funk-tio-nie-ren.


Als Klika sich am Grund des Waschbeckens, an dem er sich zumindest physisch hatte festhalten können, wiedergefunden hatte und während er sich auf den Rückweg ins Bett machte, reimte er sich die Analyse zusammen, vielleicht sei diese vorübergehende Selbstentfremdung der Ausdruck des uneingestandenen Wunsches, ein anderer zu sein: wieder 25, zu allen Seiten umstellt von offenen Türen, mehr Biss, weniger verbissen. Es war zu anderen Zeiten schon mal besser gelaufen für ihn. Am Morgen fand sich im Badezimmer kein eindeutiger Beweis für die Echtheit dieser Episode. Nur das Gefühl blieb.


Es war Vormittag. In der Küche sah Klika die angefangene Falsche Ruby Cabernet von Aldi. „Ich habe dich immer für meinen Freund gehalten“, redete er sie an, „Die viele Zeit, die wir miteinander verbracht haben. Wie du dich schön gemacht hast, dieses Funkeln im Dunkeln. Ich hab dich getrunken. Ich habe dich genossen, du hast mich durchflossen. Doch jetzt muss ich hören, dass du mich bei der Obrigkeit denunzierst. Bist du mein Feind? Nein, so einfach ist es sicher nicht. Aber ich habe, nachdem ich hin und her überlegt habe, ob es wirklich so sein sollte, Grund doch zu der Annahme, dass du ein Doppelagent bist. Ich dachte, ich hätte dich unter Kontrolle, wenn ich dich kaufen würde. Doch so sicher kann man sich da offenbar nie sein. Ich frage mich, ich frage mich wirklich, wie du deine Loyalität unter Beweis stellen solltest. Es hilft wohl nichts. Es geht nicht anders. Es ist Zeit, für die Pfefferprobe nach Anne Wand. Du musst jetzt fragen: Was ist die Pfefferprobe nach Anne Wand?“


Doch die Flasche antwortete nicht, räumte nicht ihren Platz, räumte sich nicht in den Kühlschrank und nicht in den Altglascontainer.


„Was: Du weißt nicht, wie die Pfefferprobe nach Anne Wand geht?“, fragte Klika die Flasche. „Warte, ich zeig es dir, dann weißt du es.“ Da nahm sie Klika und räumte sie mit einem Schrei und einer sportlich ausholenden Bewegung, mit deren Geschmeidigkeit Klika danach äußerst zufrieden war, an die Wand. Sie explodierte und warf ihren Inhalt als großen Fleck an das verputzte Stück Wand neben dem Kochbücherregal. Es gab eine wunderschön rote Farbe. Bald würde sie grau werden.


Klika hatte den Rest des Abends nach „Kindeswohl“ und „Kindeswohlgefährdung“ gegoogelt. Über einer Broschüre des Familienministeriums, die unter anderem besagte, eine gesunde Entwicklung könne an geistiger Unterforderung scheitern, war er eingenickt.


Unter der Dusche stehend, dachte er nun darüber nach, was ihm bevorstand. Er kam nirgendwohin. Heute Nachmittag würde er es wissen. Aber dann war es zu spät für Vorbereitungen.


Klika war allein in seiner großen Wohnung. Er allein füllte dieses weiße dampfende Badezimmer mit diesem Singsang, der ihm selbst aus dem Mund heraus und zu den Ohren wieder hinein dröhnte. Mochte er sich? Muss man sich mögen, um ein guter Zeitgenosse zu sein? Er malte es sich schwierig aus, aus seinen Zweifeln heraus einem psychologischen Gutachter geistige Gesundheit zu simulieren. Er hatte tatsächlich „simulieren“ gedacht.


Klika dachte: Eine Lösung mit Stil wäre es noch, in dieser arschglatten Badewanne, die Gabi unbedingt haben wollte – letzte Amtshandlung, kurz bevor alles die Klospülung runterging –, einfach auszurutschen und tödlich zu verunglücken. Niemanden würde eine Schuld treffen. Klika wäre endlich weg, was sicher einigen Menschen nicht zum Nachteil gereichen würde. Getötet von Gabis Badewanne. Aber so einfach war das nicht. Und Luzi. Schon nachdem er den Gedanken gedacht hatte, wusste er, dass bei einem solchen Ableben sehr wohl ihn selbst die Schuld treffen würde. Nach so einem Gedanken, einmal gedacht und danach noch so energisch verworfen, ist es niemals völliger Zufall, wenn der Unfall eintritt.


In der alten Badewanne war ein schöner Kalkbelag gewesen, der das Ausrutschen verlässlich verhinderte. Alte Dinge, durch jahrelangen Gebrauch der Lebenspraxis angepasst, waren gewöhnungsbedürftig anzusehen, aber funktional stets überlegen. Klika selbst war auch so ein altes Ding. Es gibt viele Menschen da draußen, die die Qualitäten eines alten Dings zu erkennen nicht in der Lage sind.


Und Psi.


Das Wasser kam heiß aus dem Duschkopf. Nahe an der Reflextemperatur strahlte es Klikas Hinterkopf an. Sein Kleinhirn verweigerte ob solcher Stimulation jede höhere Denktätigkeit. Klika fand es gar keine schlechte Idee, sich vor dem ersten Gesprächstermin einen runterzuholen, um ausgeglichener zu wirken. Er wusste nicht, an wen er dabei denken wollte. Letztendlich dachte er an nichts anderes als das Wasser, das ihn heiß umfing. Das heraus kullernde Sperma war so alt wie Klika selbst. Beim Auftreffen am Wannenboden machte es klonk. Klika richtete den Wasserstrahl drauf, um es wegzuspülen. Der klumpige Schleim wollte nicht verschwinden. Er hing in zähen Fäden über die Löcher im Abfluss. Er überspannte sie wie Wäsche auf der Leine. Klika musste mit den Fingern nachhelfen.


Beim Aussteigen merkte er, dass er den gesamten Kachelboden vollgepladdert hatte. War ja seiner. Zufrieden nahm er drei Handtücher aus dem Schrank und warf sie drauf, ohne hinzuschauen. Der Spiegel war vom heißen Dampf zu beleidigt, um sein Gesicht zu zeigen. Mit einem sauren Gefühl im Bauch ging Klika frühstücken. Vielleicht würde es helfen, wenn er einen Kaffee drauf schüttete. Nur Kaffee. Das Bier würde er sich klemmen. Überhaupt würde er an diesem Tag auf alle Biere verzichten, bis er seine Vorstellung vor Herrn Psi gegeben hatte.

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