Kalt

von Esra Canpalat

Ich werde euch alle zerstören mit meinem Blick, brannte es in ihrem Kopf, während sie den endlosen Flur entlang ging. Hindernissen wich sie ohne zu zögern aus. Einen Studenten, der den Weg mit einem Bücherwagen versperrte, fauchte sie an. Mach doch noch langsamer! Die Bücher können sich ja schneller bewegen als du! Verpiss dich endlich! Verschreckt drückte er sich an die Wand und der Bücherwagen rollte mutterseelenallein den Gang weiter. Beim Vorbeigehen trat sie gegen den Wagen, sodass einige Bücher vom Stapel fielen. Sie hob eines davon auf, blickte auf den Buchdeckel und rümpfte sofort die Nase. Und dann schiebst du auch noch so’ne Scheiße durch die Gegend! Wer soll denn diesen bourgeoisen Dreck lesen? Der Typ starrte sie verängstigt mit aufgerissenen Augen an. Sein Mund zitterte, öffnete und schloss sich unentwegt, die Mundwinkel fast bis zum Kinn verzogen, sodass Laute wie ‘Habbeddeha, Habbeddeha’ aus seinem Stinkemaul kamen. Oh, sehr einfallsreich. Hat man dir das an der Uni beigebracht, dich so eloquent auszudrücken? ‘Das ist Dada!’ ‘Das ist Avantgarde!’ Fick dich! Dann ging sie weiter.
Auf einem Tisch lagen Flyer und Programmhefte für diverse Theater in der Umgebung. Natürlich warf sie diese alle auf den Boden und trampelte wild schreiend darauf herum, bis eine Hilfskraft aus einem Zimmer herauskam und sie fragte, ob sie denn wahnsinnig sei. Weiß nicht. Ist man wahnsinnig, wenn man die Leute davor bewahrt, sich so einen Müll anzusehen? Theaterstücke, in denen Frauen mit rauen Whiskystimmen ihre Empörung rausposaunen, und Typen, die sich nackig machen und munter mit ihren Schwänzen wackeln? ‘Oh, ist das provokant!’ Bevor sie ihre Hasstirade überhaupt beendet hatte, ging das Mädchen in das Büro zurück und kam mit einem entstetzt dreinblickenden Dozenten zurück, als sie gerade dabei war, die Vorlesungsverzeichnisse vom Schwarzen Brett herunterzureißen. Doch statt sie aufzuhalten, murmelte er nur etwas vom Wachdienst. Komm doch her und zeig, was du drauf hast, du Sackgesicht! Was für ein Versager! Ruft den Wachdienst, statt selber die Fäuste spielen zu lassen. Ruf doch den Wachdienst. Denen reiß ich auch noch den Arsch auf! Als alle Zettel vom Brett heruntergerissen waren, lief sie weiter, die Schultern breit wie die eines Quarterbacks, die Füße stampfend, die Hände zu Fäusten geballt.
Ein aufgebrezeltes Mädchen kam aus den Toiletten heraus. Ihre Lippen glänzten feuchtrot. Na, die Lippen nochmal schön mit dem Lippenstift nachgezogen, wa?  ‘Is ja egal, ob ich was Schlaues sage, Hauptsache ich seh aus wie die Weiber aus den Modekatalogen. Und wenn ich in der ersten Reihe sitze, die Klappe halte und meine Titten schön aneinander presse, lässt mich der Dozent ja auch in Ruhe, während er sich vorstellt, wie er mich von hinten nimmt.’ Nicht wahr, hab ich dich durchschaut? Du bist doch krank, sagte das Mädchen und tippelte mit ihren Stöckelschuhen zu den Aufzügen. Sehr praktisch diese Schuhe. Gut, dass es hier Aufzüge gibt, nicht wahr? Dann kannst du schön deine Füße ausruhen, während der Rollstuhlfahrer im Erdgeschoss darauf wartet, dass der Aufzug endlich kommt. Sie wollte weitergehen, roch aber im Flur immer noch ihr Parfüm, in dem sie offenischtlich vorher ein Bad genommen hat. Boah, das stinkt hier! Willst du hier dein Revier markieren, oder was? Jetzt reicht es aber!, kreischte die Tussi hilflos. Nicht aufregen. Davon bekommt man nur Falten.
So ging sie den Flur weiter entlang, Menschen beleidigend, um sich tretend und schreiend, bis sie ans Ende kam. Doch anstatt stehen zu bleiben, rannte sie einfach weiter, rannte durch die Wand hindurch, sodass wie in einem Comic ein Loch in der Form ihres Körpers entstand, und fiel schließlich vom vierten Stockwerk herunter. Während sie fiel, stach die kalte Luft ihr ins Gesicht, kühlte den Brand und sie lachte. Als man ihren Leichnam auf dem Parkplatz fand, lag noch immer ein Lächeln auf ihren toten Lippen.

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