Sturmböen

von Kalle Swarovski

Zuerst merkst du es fast gar nicht. Ein Schleier, der sich dezent und nur einen Augenblick über deine Augen legt, wie der Zigarettenrauch des Wartenden, der neben dir am Bahnhof steht. Ein Blinzeln nur und alles scheint vergangen. Die Welt dreht ihre gewohnten Bahnen, Schatten bleiben Schatten und der Wind ist einfach nur der Wind. Doch das leichte Schaudern das folgt, lässt Ignoranz schnell nicht mehr zu. Bald ein Kribbeln, ein Jucken, dessen Ursprung auszumachen dir unmöglich erscheint. Nicht unangenehm zuerst, wohl eher neugierig, vielleicht ein bisschen vorwitzig. Es begleitet dich, lässt dich nicht los, manifestiert sich in den Zehen, den Fingerspitzen, vor allem aber hinter den Augen. Macht es sich in deinem Blick auf die Dinge gemütlich, verstellt dir die Sicht auf das Wesentliche und stiehlt dir das Funkeln. Und dann sitzt es da und wartet. Wartet darauf auszubrechen, darauf hinter deinen Augen hervor in deine Welt zu leuchten und alles zu verändern. Und auf einmal, da bist du nicht mehr wer du warst, Entscheidungen verblassen, wie Herbstblumen unter dem ersten Schnee. Der Schnee ist gefallen und dann kommt er: Aus dem Kribbeln wird ein Brausen, ein Orkan, der deine Synapsen durcheinander wirbelt, der all deine Gedanken in den Hintergrund bläst. Und aus dem Auge des Sturms erscheint er, gewaltig, unumgänglich, überzeugend. Nimmt dich ein, umschließt dich, nimmt dir deinen freien Willen, fängt ihn ein, wie einen verwirrten Schmetterling von der Fensterbank. Sturmböen, die dich unablässig treiben, die dir nur eine Richtung zugestehen. Richtig oder falsch verwehen, verschwinden und lassen dich allein zurück. Nur du, der Sturm und die Erkenntnis, dass Schwäche das Einzige ist, was fest verankert in deinem Bewusstsein treibt. Du kannst dich nicht wehren, ein kurzer Moment der Schockstarre und dann musst du…du musst einfach.

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