Unter der weißen Schneedecke

von Esra Canpalat

Unter der weißen Schneedecke begraben zu sein ist angenehm. Sie ist nicht schwer, sondern unglaublich leicht. Es ist gleich, wie sehr du deine Füße aneinander reibst: Sie werden nicht warm. In der grauen Morgenwonne liegst du nun starr da, nachdem du dich stundelang in deinem eigenen Saft suhlend gewendet hast, von links nach rechts, von rechts nach links. Jetzt starrst du die anthrazitfarbene Decke an und es ist, als würden Millionen von kleinen Ameisen vor deinem Gesicht krabbeln, so lange hast du deine Augen ohne zu Blinzeln aufgerissen. Neben dir kratzen deine widerspenstigen Haare deine Wangen und du denkst, dass du sie dir endlich abschneiden musst. Langsam stellen sich die Härchen auf deinen Armen hoch, deine Haut ist übersät von Pocken, deine Füße sind wie Eisblöcke, deine Nase läuft. Doch du liegst da, ohne dich zu bewegen. Schwerelos. Du machst keine Anstalten dich zu wärmen, denn die Kälte lässt dich alles spüren. Sogar die leblose Hülle drückt vehement auf dein Äußeres. Es ist, als würdest du gleich platzen, zerbrechen, vor lauter Empfindsamkeit. Plötzlich ein gelbes Aufleuchten. Die Müllabfuhr fährt vorbei. Tonnen knallen hart und erbarmungslos, Müll zerdeppert und spritzt und klatscht. Ein Kind rennt zur Schule. Der Tornister, den es nicht richtig zugemacht hat, klappert. Briefträger gehen von Haus zu Haus.

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