American Spirit

von zophrenik

Sie zündeten eine Zigarette an und rauchten – zwei Nichtraucher beim Versuch, eine andere Welt zu kosten.
»Das sind American Spirit. Harvey Keitel und William Hurt rauchen sie im Film Smoke. Als ich in Amerika war, bin ich in den Tabakladen gegangen, in dem der Film spielt, und habe sie gekauft.« Sie blickte in die Ferne, über die Oder hin zur Altstadt, deren Lichtschein sich hinter den Altbauten in die Dunkelheit erhob. »Ich liebe diesen Film.«
Sie standen am Brunnen auf dem Ostrów Tumski. Er legte sein Knie an ihres. Während sie sprach, an der Zigarette sog und den Rauch in die Luft blies, streichelte er sie auf diese Weise, mit dem Knie. Unmerklich strich er vor und zurück, indem er es anwinkelte und sein Gewicht darauf verlagerte, mal mehr, mal weniger, ein wippendes Streicheln, langsamer als das sanfte Schwingen des Pendels einer Wanduhr. Sie stand auf der Basis des Brunnens, er auf dem Gehweg, daher war das kein Problem.
»Ich habe vorher noch nie eine Zigarette geraucht«, sagte sie, »deshalb klopfte ich die Asche nicht weg, sondern versuchte sie abzuschütteln.« Der Mond stand hoch über ihnen, sein Licht mischte sich mit der fahlen Straßenbeleuchtung. Um diese Zeit waren noch Fußgänger unterwegs, sie huschten an ihnen vorbei. Ihre Silhouetten tauchten aus der Dunkelheit auf wie Gedanken, stapften durch das schwache Straßenlicht und verschwanden wieder im Dunkel der Nacht, um ein paar Meter weiter wieder festere Konturen anzunehmen. Sie sahen anders aus, und doch waren es dieselben Menschen, sie blieben es, auch wenn ihre Gestalt die Form änderte, je nachdem, aus welchem Winkel man sie betrachtete, in welchem Abschnitt ihres Lebens man sie gerade traf. »Meine Vorgesetzten lachten, als wir vor dem Tabakladen standen und ich verzweifelt versuchte, die Asche loszuwerden.« »Als ich klein war«, sagte ich, »strich meine Mutter mir immer durchs Haar. Sie fuhr mir durchs Gesicht und küsste mich auf die Stirn, wie Mütter in alten, kitschigen Hollywoodfilmen.« Sie klopfte die Asche ab. Ich sah, wie die Ascheblättchen während des Falls in ihre Bestandteile zerfielen, vom Wind weggetragen in die dichte Wolke der Nacht. »Immer rochen ihre Finger und ihr Atem nach Tabak. Bei meinem Vater dasselbe. Wenn er sich nachts nach der Arbeit auf die Bettkante setzte, tat ich so, als wenn ich schliefe, und sah ihn aus dem Augenwinkel an. Er blätterte durch die Seiten des Videotexts und las die aktuellen Sportnachrichten. Er strich sich durch den Schnurrbart und las, und um ihn herum roch es nach Tabak. Der Duft umfing ihn wie eine Fahne, eine Aura, eine Aureole aus Zigarettenqualm. Wenn ich an meine Mutter denke und an meinen Vater, dann denke ich an Zigaretten.«
Sie standen am Brunnen und rauchten, die Knie gegeneinander gedrückt, um die Anwesenheit des anderen zu spüren. Die Nacht beugte sich über sie hinweg, dehnte die Dunkelheit bis weit in den Schein der Lichter hinein. Der Wind nahm im Osten Anlauf, strömte über Berge, Hoch- und Tiefebenen in die Stadt, fegte durch die Straßen, peitschte um Gebäudeecken und schlug den Menschen ins Gesicht. Sie erschraken, japsten nach Luft, als würden sie gerade aus dem Wasser tauchen. Sie aber standen am Brunnen nah beieinander, fühlten die Wärme des Tabakrauchs, und die ihrer Knie.

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