Ich / Der Clown

von Esra Canpalat

Es war, als würden meine Trommelfelle zerplatzen, als die Musik wie ein alles zerschießender Pfeil aus den Lautsprechern katapultiert wurde. Meine Ohren waren bereits ganz rot vor Kälte, ebenso meine Nase, waren wund und schmerzten. Die Musik trug ihr Weiteres bei: Die bleiernen Trompeten- und Posaunenklänge, das dumpfe Schlagen der Trommeln rumorten in den entzündeten Gehörgängen und zerrissen, nachdem sie das porös werdende Trommelfell passiert hatten, geradezu mein Inneres. Meine Rippenknochen vibrierten lustig und erzeugten, jede nach der anderen, einen anderen Ton wie die Klaviatur eines Xylophons. Ich zog meine Jacke fester an mich, versenkte meine Nase in meinen Schal. Die markerschütternde Kälte war der Akrobatin unten kaum anzumerken. Ihre Haut wies zunächst viele Pocken auf, als sie die Manege betrat. Doch als sie anfing, sich zu strecken, sich zu drehen und zu springen, war ihre Haut so glatt wie die eines Aals. Nur an ihren rot beschmierten Lippen, die im Kontrast zu ihrem seidig-glänzenden, gelben Trikot standen, konnten man den Effekt der Kälte sehen: Sie verzogen sich ab und an unschön, doch im Großen und Ganzen bewahrte sie Contenance. Zuletzt verbeugte sie sich, den Reifen, den sie vorher kunstvoll um ihre Arme und Beine kreisen gelassen hatte, das rechte Bein elegant nach hinten geknickt und die Arme nach oben gestreckt. Wieder dieses unechte Zerreißen ihres Mundes. Die Musik endete mit einem pompösen Klang, der mich wieder völlig aus der Fassung brachte.
Das Licht erlosch und nur noch die dunklen Konturen der Zuschauer waren zu sehen: Lauter schwarzer Berge in einer um sich selbst drehenden Landschaft. Nachdem das unnötig lange Klatschen beendet war, war nur noch das erwartungsvolle Raunen und Flüstern der anderen zu vernehmen. Doch es blieb erstaunlich lange dunkel, sodass einige Zuschauer schon unruhig und ungeduldig wurden. Einer schrie „Weiter!“ in die Menge. Sodann ging der Spot an und leuchtete eine einzelne Person unten in der Manege an. Diese Person wurde durch das Licht zunächst so hell erleuchtet, dass man keine menschenähnlichen Konturen oder Züge erkennen konnte. Sie leuchtete wie ein Kristall. Ich weiß nicht, ob das Licht etwas gedimmt wurde oder ob sich meine Augen endlich an die Helligkeit gewöhnten, aber nach und nach erkannte ich: einen Clown.
Seine Haare waren kraus und rot, doch in der Mitte seines Kopfes war eine große, runde, kahle Stelle. Eine Tonsur. Ein wahnwitziger Mönch war das, das Gesicht mit weißer Farbe beschmiert. Schlecht geschminkt war er, denn an einigen Stellen schimmerte seine orangefarbene Haut durch den Kalkschleier hindurch. Die Augen sowie Augenhöhlen waren umrandet worden mit einem dicken grünen Stift. Der Mund…der Mund war ein Verbrechen. Ein dunkelblauer, fast schon schwarzer Wurm, dick und madig. Er bog sich durch sein extremes Lächeln in einen waagerecht liegenden Sichelmond. Das Lächeln warf einen bizarren Schatten auf sein Kinn. Dieselben Schatten unter seinen Augen, die aschfahl waren und das grelle Scheinwerferlicht geradezu absorbierten. Meine Augen versanken in diese Schatten, in dieses graue Endlose – und ich wurde nervös. Unruhig wackelte ich hin und her. Während ich versuchte, meine Nervosität zu verbergen – was nicht funktionierte, weil ich ständig abrupte Bewegungen machte, beispielsweise die Hand sinnlos auf meine Schläfe legte, um sie danach wieder von dort wegzunehmen – fing das Publikum schon beim Betreten des Clowns in die Manege an zu lachen, wohl eher zu prusten. Sie unterdrückten ihr Lachen, spuckten fast, weil sie krampfhast versuchten, keinen Laut von sich zu geben. Sie wollten loslachen, nicht weil der Clown etwas Lustiges tat – sie lachten ihn aus. Weil er armselig aussah, wie die Parodie eines Clown, was an sich merkwürdig paradox klang. Über einen Clown lacht man auch aufgrund seines humoristischen Aussehens. Aber dieser wurde ausgelacht, weil er jämmerlich aussah, weil man ihm die Rolle des Clowns nicht abnahm. Nicht nur, dass sein Gesicht so furchtbar dilettantisch geschminkt war. Auch seine  Kleidung sah schrecklich aus. Der Anzug, in dem sein ganzer Körper steckte, war im Grunde nur ein schlecht vernähter Strampler. Der weiße Kragen war ganz verschmiert von der grünen Farbe seiner Augenumrandung.
Und dennoch: Was niemand verstand war, dass er der Clown war. Der Inbegriff eines Clowns. Weil er außerhalb stand. Weil niemand ihn mochte. Weil alle ihn auslachten. Weil niemand ihn verstand. Und ich war nervös geworden, weil ich all das erkannte. Weil ich wusste, dass die anderen ihn als Außenseiter sehen würden. Weil ich wusste, dass keiner ihn mögen würde. Weil ich wusste, dass sie ihn auslachen würden. Weil ich wusste, dass ihn niemand verstehen würde.
Während mir all das trotz meiner matschigen, benebelten Birne bewusst wurde, hörte ich, wie einer das hektische Schweigen doch durchbrach, weil er es nicht mehr aushielt. Ein schallendes, gutturales Lachen war urplötzlich zu vernehmen, das an den Zeltwänden echote und somit nicht mehr aufhören konnte. Daraufhin stimmten alle anderen mit ein, so als würden sie einem Befehl gehorchen, und das Zelt wurde zu einem einzigen unerträglichen Konglomerat von Echos. Mir wurde speiübel und in meinem Darm fing es an zu rumoren.
Sodann blickte der Clown zu mir herüber. Ich drehte mich kurz um, um mich zu vergewissern, ob er wirklich mich meinte. Ja doch, ich war gemeint. Die dunkle Made in seinem Gesicht krümmte sich immer noch nach oben. Das war jedoch kein Lächeln mehr. Das war die traurige Erkenntnis, dass er in sein Spiegelbild blickte. Denn in dem Moment, als er mich erblickte, blickten alle im Publikum zu mir herüber – und lachten mich aus. Panisch schaute ich mich um, versuchte mir die tausend Gesichter, die mir erbarmungslos ins Gesicht glotzten, zu merken. Ich drohte mit dem Finger, fletschte die Zähne, doch das ermutigte das Publikum umso mehr, ihre Mäuler vor lauter Gelächter fast zu zerreißen, ihre Augen zusammenzukneifen und die Hände auf ihre Brüste zu verschränken, weil sie keine Luft mehr bekamen vor lauter Lachen. Sobald der Clown aber seinen Blick von mir nahm, drehten sich alle Köpfe wieder wie im Kommando zu ihm und schenkten ihm ihre schändliche Aufmerksamkeit. So ging es einige Sekunden hin und her, her und hin. Mal wurde ich mit gellendem Gejauchze bestraft, mal galt die Tollerei dem Clown. Die Scham versenkte mich immer tiefer in meinem Sitz. Ich versuchte verzweifelt mein Gesicht unter meiner Jacke zu verstecken. Aber besonders darunter schien die Schmach noch mehr meinen Leib zu verbrennen, als wenn ich ihn offen den Flammen dieser Meute aussetzte. Ich weinte und versuchte gegen den Lärm und dem bitteren Kloß in meinem Hals anzuschreien. Meine Schreie konnten weder ich, noch diese Hunde hören.
Mir wurde langsam schwarz vor Augen. Die Manege mit ihren Gästen drehte sich unaufhaltsam, wurde zu einem bunten, verschwommenen Strudel und dann komplett Schwarz. Ich  spürte, wie ich immer mehr in Schatten fiel, die dunkler und beängstigender waren als die unter den Augen des Clowns. Ich streckte alle Viere von mir, lies los, fiel und fiel – das Gelächter blieb. Noch als ich fast den Boden dieses Abgrunds erreichte, hörte ich aus einer undefinierbaren Ferne die dumpfen Schäkereien der anderen.

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