Vater

von Esra Canpalat

An dich, Vater, erinnere ich mich nur folgendermaßen. Du liegst im quietschenden Bett, die Gardinen sind geschlossen, das Zimmer ist in eine ameisenhafte Dunkelheit gehüllt. Die Luft wie verpestet. Ein Schimmelröschen an der Decke wachsend. Die Tür ist geschlossen. Ich kann dich nicht sehen, aber ich weiß, dass du dort liegst, schnarchst und am Gestank fast erstickst.
Mutter und ich sitzen auf dem Küchenboden. Sie ist in der Hocke, ich sehe ihre knallrote lange Unterhose unter ihren schwarzen Rock, ihre Schienbeine, deren Haut von der schwarzen blickdichten Strumpfhose verdeckt wird. Sie beugt sich über eine große, gelbe Wanne, die Häkelränder ihres Kopftuchs, das sie wie einen Turban über ihren Kopf geknotet hat, fallen fast hinein in die rote Masse, die sich in der Wanne befindet. Doch sie wirft den Kopf schnell nach hinten, sodass der überstehende Stoff des Turbans hinter ihre Schulter rutscht. Sie mischt das Rote, das bereits in der Wanne ist, mit anderem rotem, cremigem Mus. Sie quetscht die Masse durch ein seidenes Sieb, mischt Rotes mit Rotem.
Ich frage: Was ist das, Mama? Und sie antwortet: Das Herz deines Vaters. Ich habe ihn umgebracht. Obwohl ich weiß, dass du noch lebst, dass du schläfst und schnarchst im verpesteten Zimmer, glaube ich ihr. Und fühle keinen Schmerz.
Dich hat man in diesem Haus schon oft genug getötet. Er wird dir wehtun, hat sie gesagt. Er wird dich schlagen, wenn du nicht brav bist. Er wird dir nicht erlauben, dich nachts herumzutreiben. Geschichten habe ich gehört von dir, wie du betrunken die Treppen hochstiegst und jammertest, dass du niemals deine Heimat hättest verlassen sollen. Schokoladentafeln, die sich in der Küche stapelten. Der Gewinn von letzter Nacht. Du hast sie alle besiegt. Wie du sie hochgehoben hast und sie sich vor Angst in die Hose gemacht hat. Und dann hast du sie lediglich auf das Bett fallen lassen und bist wortlos aus dem Zimmer gegangen, während sie immer noch taub vor Angst zusammengekauert da lag. Was habe ich dich gehasst als kleines Kind, Vater, als ich im Badezimmer ausgerutscht bin und mir fast das Steißbein gebrochen habe, weil du bei der Waschung das Badezimmer beinahe unter Wasser gesetzt hast und es nicht für nötig gehalten hast, den Boden zu wischen. Walross. Walrossvater. Das ist die Schuld deines Vaters, sagte Mutter. Und ich glaubte ihr. Was habe ich dich verachtet, dass du im Wohnzimmer immer geraucht hast und ich dort deswegen nicht sitzen konnte. Nebelschwaden legten sich in mehreren Ebenen übereinander in der Luft, die Zigarette zwischen deinem Zeige- und Mittelfinger, den Daumen am Zeigefinger reibend. Hustend. Es klang, als würden sich Brocken in deinem Hals lösen und herunter kullern, wie die Kohlebrocken im Schacht, die dir auf den Kopf fielen. Jetzt ist eine Narbe auf deiner Stirn. Ein Relikt aus der Zeit unter Tage, genau wie der Husten. Deine Augen, blutunterlaufen, halb hoffen, werden vom Rauch gestochen. Doch du genießt die Zigarette Zug um Zug, während die Wände vergilben und Mutter jammernd die gallig-gelben Gardinen wäscht.
Dieser Husten ist ein Markenzeichen von dir. Er kündigt an, wann du gehst, er kündigt an, wann du kommst. Wenn du gehst, wirfst du deine Schuhe auf den Fußabtreter und hustet in den Flur, sodass es schallt. Dein Husten in beständiger Wiederholung. Es nervt. Wenn du wiederkommst dasselbe: Ich höre, wie du dich hustend die Treppen hochquälst. Er kommt zurück, denke ich und schleiche mich enttäuscht in mein Zimmer zurück. Ich hasse dich, und weiß noch nicht einmal warum.
Mein Zimmer, ein Tabu für dich. Obwohl ich nie gesagt habe, dass du dort nicht hineindarfst. Ich hätte auch nie etwas dagegen gehabt, wenn du reingekommen wärst. Aber du hast immer höflich an der Tür geklopft, hast sie erst dann geöffnet, wenn ich dir die Erlaubnis gegeben habe. Wusstest du überhaupt, wie mein Zimmer aussah? Manchmal bist du hereingekommen und hast dich erst einmal verwundert umgesehen, hast die Bilder und Poster an meiner Wand genauer betrachtet, hast mein Bett, meine Kommode mit den Fläschchen, meine Bücher und meine CDs gesehen. Bist du nicht in mein Zimmer gekommen, weil du meine Privatsphäre respektiert hast, oder weil ich ein Mädchen bin? Vielleicht hättest du mehr Zeit in meinem Zimmer verbracht, wenn ich ein Junge gewesen wäre. Dann hättest du dir vielleicht Karatefilme mit mir angeschaut und danach die Kämpfe lachend nachgespielt. Ich weiß es nicht.
Oftmals frage ich mich: Was wäre gewesen, wenn ich dich einfach gefragt hätte, ob ich etwas länger mit meinen Freundinnen weggehen dürfte, ob ich zur Theaterprobe gehen dürfte, ob ich bei einer Freundin schlafen dürfte. Hättest du wirklich nein gesagt, so wie es Mutter mir immer eingeredet hat? Oder hast du dich aus diesen Dingen immer rausgehalten, nicht, weil du nichts zu sagen hattest, sondern weil keiner dir etwas gesagt hat. Dieser Mythos, Vater, dass du unzerbrechlich, unberechenbar, dass du böse bist, ist der Mythos, der die kahlen, weißen Wände unserer Wohnung zusammenhält. Es ist ein Mythos, der Innen und Außen entstand, der Innen und Außen Einfluss hat.

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