Klage

von Esra Canpalat

Seit Tagen schon sitze ich zusammengekauert auf dem Ast, deinen Körper mit den glänzenden Federn beobachtend. Er treibt auf dem Wasser, das Gefieder klebt in dunklen, feuchten Fasern zusammen. Der Kopf versunken in der Scham des Wassers, die Füße, starr wie der Ast, auf dem ich hocke, nach oben zeigend. Doch in einem erhabenen Winkel, nicht so hoch gestreckt, dass man lachen müsste. Ich schüttel mich. Oder ist es der Wind, der mich schüttelt? Ich weiß nur, dass der Wind dich ab und an einige Zentimenter davon treiben lässt und danach wieder an die ursprüngliche Stelle bläst, kleine Ellipsen um deinen von Nässe aufgedunsenen Leib.
Anfangs öffnete ich den Schnabel noch weit, so weit, dass er beinahe zerbrach. Aus dieser geöffneten Schere drang meine Klage heraus in das verwaschene Grau des Himmels. Ein einziger Laut, der aus dem Brunnen meines steinernen Magens herausgezogen wurde. Bis ich heiser wurde. Dann öffnete ich nur manchmal die beiden Sichel, wenn mir wieder bewusst wurde, was ich da sah. Ich krächzte von Zeit zu Zeit, ließ die Zunge vibrieren, bis die anderen schwätzten, es sei gut jetzt.
Nun schweige ich. Ich beobachte nur noch dich, wie du von Tag zu Tag immer steifer, elender wirst. Bis der Gärtner, den zuvor meine Klagen in den Wahnsinn getrieben haben, sich endlich erbarmt, dich mit einer Schaufel aus dem Wasser zu fischen.
Ich sehe, wie ihn die Schwere deines Leibes fast vornüber fallen lässt.

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