Reiseatlas

von zophrenik

Mein Vater besitzt einen Autoatlas. Na drogach Polski. Uniwersalny przewodnik kierowcy i podróż-nika. Groß, schwer und klobig, erinnert er an einen Ziegelstein, der sich hervorragend eignen würde als robuste Unterlage oder tödliche Nahkampfwaffe. Manche Ecken und Kanten sind abgenutzt und aufgescheuert, einige Seiten eingerissen, hie und da erscheinen mit Kugelschreiber gezogene Linien, die Reiserouten markieren. Ohne Zweifel, für das Reisen eignet sich ein Atlas besser als ein Navigationsgerät, schließlich sollte der Mensch selbst bestimmen, welchen Weg er einschlägt.

Immer wieder schlage ich ihn auf und verfolge mit dem Finger jene Strecken, die ich bereits abgefahren habe. Dabei fungiert mir der Atlas nicht bloß als geographische Karte, sondern gleichsam als Gedächtnisstütze. Ich öffne ihn auf Seite 414, tippe auf das Städtchen Zator und nehme die Landstraße 28 über Wadowice, Sucha Beskidzka, Maków Podhalański, Rabka-Zdrój, Mszana Dolna und Limanowa nach Nowy Sącz, dann weiter nach Gorlice, um dort nach Süden abzubiegen Richtung slowakische Grenze. Und während ich den Finger über die roten, orangenen und gelben Linien führe, spult sich ein Gedankenfilm ab. Das Auf und Ab der Beskiden, bewaldete Hügelketten durchbrochen von Zivilisationsbröckchen in den Tälern, in den Kleinstädten Kirchtürme, deren Spitzen nach dem Himmel greifen, am Straßenrand Familienhäuser in den grellsten Farben, als wäre man auf Safari durch einen urbanen Dschungel. Oder Seite 232. Von Gdańsk führe ich den Finger über die Landstraße 1 südwärts nach Bydgoszcz, dann auf die 5 über Poznań nach Wrocław, und das sind nur die größten Städte. Sofort fallen mir alle Ereignisse und Augenblicke dieser Reise ein, als würde ich sie, aus einer anderen Zeit und Perspektive, erneut erleben. Ich stelle mir vor wie ich, bepackt mit Zelt und Rucksack, durch West-Polen trampte, wie ich am Randstreifen einer Schnellstraße den Daumen raushielt und ein Sattelschlepper anhielt, um mich mitzunehmen. Oder wie ein Ungar, der in Rumänien lebte, aber zwecks Arbeit durch halb Europa gurkte, mir das Wesen der balkanischen Roma erklärte. Diese Bilder und Eindrücke schweben in meiner Erinnerung. Ich brauche nur kurz innezuhalten, um mir die Folge von Einprägungen zu vergegenwärtigen. Das ist besser als Kino.

Landschaften und Gesichter erscheinen aus den Tiefen des Unbewussten, kräftig, üppig, deutlich wie expressionistische Gemälde, die an den Gebäuden der Via Dolorosa hängen. Ich gehe die Stationen einer Reise ab, und in Gedanken hebt sich die Topographie hervor wie ein Landschaftsrelief aus Holz. Ich schließe die Augen und der Duft eines Nadelwaldes in der nordöstlichen Suwalszczyzna steigt mir in die Nase, auf meiner Zunge liegt zugleich der metallische Geschmack von Wasser aus dem Bach Jasiołka im Süden. Ich saß mit einem Freund am Ufer. Wir machten gerade einen Nudeleintopf heiß, als ein Traktor mitten durch das Flussbett an uns vorbeifuhr. Der Fahrer schaute uns ebenso verwundert an wie wir ihn.

Das Gedächtnis überwindet den Raum und setzt die durcheinandergewürfelten Reiseabschnitte zusammen zu einer polnischen Pilgerfahrt. Ich spreche die Namen von Städten aus wie ein Gebet, wie die Litanei eines Reisepriesters. Je kleiner und unbedeutender die Ortschaft, desto intensiver die Invokation. Ich rufe Nordost-Polen an, das Suwałki-Gebiet. Sejny, Puńsk, Nowa Wieś, Jeleniowo, Żegary und Krasnogruda, wo der Literatur-Nobelpreisträger Czesław Miłosz einen Teil seiner Kindheit verbracht hat, und wo mir zum ersten Mal die Bedeutsamkeit von Naturgedichten klar vor Augen geführt wurde. Ja, das Reisen erinnert an eine Religion. Man macht sich immer wieder auf den Weg, um neue Kräfte zu schöpfen. Um die Fesseln des Alltags abzuwerfen und etwas Unbekanntes zu entdecken. Um nicht zusammenzubrechen über der Feststellung, dass das Leben eigentlich bedeutungslos ist ohne das Reisen.

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