Nachts, wenn der Frost herüberweht

von zophrenik

(05 10 13)

 Nachts, wenn der Frost herüberweht im Wind
Des Herbsts, und diese Stadt, wie jede andre,
Auch ihren Sommeratem festhält in

 Der Hoffnung auf ein möglichst langes Ende,
Da spüre ich das Fatum, das die Zu-
Kunft in Erwartungshaltung drängt. Was bringt

 Das Morgen schon im Angesicht des Gestern?
Ein Truggespinst ist die Erinnerung,
Doch nur reformative Utopie.

 Der Kuss von einst wärmt den von irgendwann

Bedrängt

von zophrenik

(24 08 13)

 Im Flugzeug zwischen zwei in sich Verkeilten
und einer Frau auf Shoppingtour, die anfängt
im siebenten Himmel, der handelsfreien Zone.
Den tanzenden Zungen eines so entbehrungs-
reichen Lebens im Ruhrgepött verdank ich

 mein Glück. Die Nostalgie
sagt: »Ey yo, alles klar?« Ich dreh ihr
den Arsch zu, den ach so beharrten, und
sag: »Fick dich ins Knie, Melancholie, klein
kriegst du mich nie.« So sitz ich also

 hier im Gedränge und rülpse ein Lied,
Pustel unter Warzen.

Am Schwarzen Meer

von Esra Canpalat

Das Meer ist wahnsinnig geworden
Zerkratzt stehe ich da und schreie
Dem Schaum entgegen
In der Hoffnung, dass sie Wellen schlagen
Zu euch im Westen
Beugt eure Köpfe nicht!

 Ein Quallenkopf von Stirn
Ein schmolllippiger Arsch
Stoppel wie Furchen in Gras,
Sein Gesicht,
Das nichts als barocke Strenge hat
Wie kann man ihn nicht lieben?,
Schreien sie, ihm Luftküsse zuwerfend,
Ich frage: Wie kann man sich da noch selbst lieben,
wenn man seine Freiheit hasst?

 Der Sand ist stumm geworden
Ich stampfe so fest ich kann
Wirbel Staub um mich herum
In der Hoffnung, dass die Erde bebt
Bei euch im Westen
Beugt eure Köpfe niemals!

 Das Land, das ihr mal kanntet,
Ist längst versunken
Wie die trunkenen Schiffe
Im Meeresboden verschwunden,
Schreit diese Fischfratze
Wie kann man ihn nicht lieben?,
Schreien sie, auf seinen Straßen fahrend
Ich sage: Diese Straßen führen euch zwar sicher heim,
doch darauf schreitet auch der Widerstand.

Ich klage an

von Esra Canpalat

1.Ich klage an
Fürwahr – Ich bin erwachsen
Aus den Sprossen eurer Tentakel
Doch ihr erdrosselt
Die Blüte,
Die aus eurem Mutterkuchen stammt

2. Anklagepunkt
Meine Worte
zählen nicht
Und die Zahlen
sprechen immer gegen mich
Ganz gleich, was ich sag,
Und gleich der Tatsache,
dass es wahr ist

3. Anklagepunkt
Nicht nur, dass meine Sprache
kein Gewicht hat
Sie findet auch keine Schale
Für euer Gehör
Kein Platz in der Höhle

4. Anklagepunkt
Es war immer einen Versuch wert
es zu versuchen
Das Gegenteil zu behaupten,
oder anders gesagt: zu unterstellen, ich
hätte es nie versucht
– Das ist so gelogen, dass es wieder wahr wird

5. Anklagepunkt
Erleide ich dasselbe
Ärgere ich mich um dasselbe
Wie ihr
So muss ich mich,
trotz eurem Vorspiel,
für mein Verhalten entschuldigen
Das ist ein Wort,
das nie einer von euch für angemessen hielt
zu sagen

6. Anklagepunkt
Es ist selbstverständlich,
Dass meine Hände wund sind,
Weil das Spülwasser wegätzt
Oder der Plastikgriff kneift
Eine Gegenleistung
ist so gut wie undenkbar

7. Anklagepunkt
Undenkbar ist auch,
Dass ich eine Tat verlange,
Die so selbstlos ist,
Wie ich selbstlos – d.h. niemand –
bin
Im Spiegelkabinett
Sieht man schließlich immer
nur sich selbst

8. Anklagepunkt
Bezieht sich indirekt auf Anklagepunkt 3
Meine Sprache findet keinen Platz,
da sie
als Manifestation dessen,
was ich tue
und denke
langweilig und
uninteressant
für euch ist

9. Anklagepunkt
– und damit der wichtigste
und jender, der alle vorher geäußerten
Anklagepunkte nichtig und unhörbar macht –
Ist meine Anklage an mich selbst,
Weil ich den Mut nicht besitze,
euch all das klar und deutlich
ins Gesicht zu sagen